Ich kann mein Kind nicht lieben.

Puhh auch mir geht es bei dieser Aussage schlecht. Aber bevor ihr mich verurteilt, lest euch erstmal meine Geschichte dazu durch.

Angefangen hat alles im Sommer 2015, da bin ich nach Berlin gezogen. Ich wollte unbedingt raus aus meinem kleinen Dorf und ab in die Großstadt. Nach meiner Ausbildung hatte ich einen kleinen Puffer bevor ich wieder arbeiten musste, deshalb konnte ich die ersten Monate in Berlin in vollen Zügen genießen. Ich ging viel feiern, besuchte alle Sehenswürdigkeiten, die meine neue Heimatstadt zu bieten hatte. Ich lernte neue Freunde kennen und begann mich einzuleben.  Alles lief wirklich super. Bis zu dem Tag der mein Leben komplett veränderte. Ich hatte einen Typen kennengelernt, er war bei den ersten Dates wirklich so nett, die Chemie passte und so trafen wir uns auch an diesem Abend. Er brachte lecker Thailändisches Essen mit und wir schauten uns einen Film zusammen an. Nur plötzlich wurde er extrem aufdringlich, er erzählte etwas von, wir haben schon das 3te Date, so langsam müsse mal mehr passieren. Aber ich wollte dieses MEHR nicht. Sagte ihm das auch deutlich. Nur er wurde immer wütender. Ich wollte meine Freundin anrufen, da schlug er mir das Handy aus der Hand und drückte mich auf den Boden. Seinen Geruch und seine Worte werde ich wohl nie vergessen. Er sagte nur jetzt gehörst du mir. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel mehr. Ich habe abgeschaltet, mich nicht mehr gewehrt weil es eh nichts gebracht hätte, außer noch mehr Schmerzen. Er nahm sich was er wollte und ging danach aus meiner Wohnung und wie ich hoffte auch aus meinem Leben. Ich erzählte niemanden von diesem Vorfall, viel zu peinlich und unangenehm war mir das Thema. Ich hörte sie alle schon reden: Sowas muss dir ja bei einem Tinder Date passieren, oder selber Schuld wenn man Leute aus dem Internet datet. Ich wollte einfach nur noch vergessen. Ich schaltete alle meine Gefühle ab, ignorierte alle schlechten Gedanken. Meine Alpträume, die Panik Attacken und die Übelkeit. Ich wollte einfach nichts mehr spüren, alles vergessen und nach Vorne blicken.

Dies gelang mir auch ganz gut, vor allem weil ich ein paar Tage später meine neue Stelle angetreten habe. Der Stress und die Arbeit taten mir gut. Ich kam nicht zum nachdenken und machte gerne Überstunden. Knapp 5 Monate nach dem Vorfall hatte ich einen Routine Check beim Frauenarzt. Ich hatte irgendwie Angst vor dem Termin, würde er etwas sehen können? Würde er es mir ansehen können was mir widerfahren ist? Die Antwort war JA, aber ganz anders als ich es dachte. Der neue Frauenarzt war wirklich sehr sehr nett, er nahm sich viel Zeit und wir sprachen auch über das Thema Verhütung. Ich nahm aktuell die Pille nicht, da ich keinen Freund hatte und es mir ohne Hormone einfach besser ging. Er empfahl mir die Spirale und wollte gleich mal schauen ob das mit dem einsetzen funktionieren würde. Ich musste also auf den Stuhl. Er untersuchte mich und schaute danach mit dem Ultraschall nach meiner Zyste die meine alte Frauenärztin noch festgestellt hatte. Nur was er dann sah verschlug mir und ihm die Sprache. Ehrlich gesagt habe ich es erst gar nicht registriert da der Bildschirm vom Ultraschall von mir weggedreht war. Aber als ich dann in sein Gesicht sah, wurde mir klar das etwas nicht stimmt. Er fragte mich, ob ich schwanger sein könnte und ich antwortete mit großer Sicherheit NEIN das kann nicht sein. Dann sagte er nur, dann schauen sie mal wer hier ist, und dreht den Monitor zu mir. Und da war es, mein Kind, mein schon fast fertiges Kind.


Ich war überfordert, mir war klar von wem dieses Kind war und ich brach noch auf dem Stuhl weinend zusammen. Der Arzt wollte mir die Angst nehmen, sagte mir das er viele Frauen kenne die mit 19 schwanger wurden und richtig tolle Mütter wären. Aber er kannte ja nicht den Hintergrund, also erzählte ich ihm alles. Er sagte den Termin nach mir ab und nahm sich Zeit für mich. Er erklärte mir das ich nach seinen Untersuchungen schon in der 20 Woche sei und eine Abtreibung nicht mehr möglich sei. ABTREIBUNG, nie wollte ich so etwas, aber in dieser Situation kam mir dies nicht mehr abwegig vor. Nur es war dafür schon zu spät. Er gab mir Nummern von Beratungsstellen für Opfer von Sexuellen Missbrauch und auch Info Material für Mütter die ihre Kinder nach der Geburt zur Adoption frei geben wollten. Mir war das wirklich alles zu viel. Ich wollte nur noch aus der Praxis raus, brauchte frische Luft, ich hatte das Gefühl ich könne nicht mehr atmen. Wie in Trance lief ich nach Hause, ich rief meine beste Freundin an, die dann extra 30 km zu mir fuhr und auch über Nacht blieb um mir beizustehen. Ich erzählte auch ihr alles und zusammen versuchten wir eine Lösung zu finden. Der erste Schritt bei dem sie mir beistand war der Gang zur Polizei. Sie ermutigte mich den Typen anzuzeigen, nicht nur für mich sondern auch für das Kind. Denn ehrlich gesagt wollte ich ihn nie wieder sehen und schon gar nicht um ihn mein Kind zu überlassen. Die Polizei nahm meine Anzeige auf, sagte aber auch das es nicht Vorteilhaft ist das ich erst nach 5 Monaten komme. Aber vorher hatte ich einfach nicht die Kraft dazu, ich glaube ohne die Schwangerschaft wäre ich diesen Weg auch nicht gegangen. Der zweite schwere Weg stand mir erst noch bevor, ich musste es meinen Eltern sagen. Ich wusste das sie mich unterstützen würden, egal wie ich mich entscheide, trotzdem hatte ich große Angst davor es ihnen zu sagen. Zum Glück begleitete mich meine beste Freundin, ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Meine Mutter ist komplett zusammen gebrochen, mein Vater war einfach nur wütend und wollte den Typen selber ausfindig machen. Dies alles war mir einfach zu viel. Ich musste raus, weg von allen Leuten und mir klar werden was ich wirklich möchte. Ich buchte ein Hotel in der Nähe von Hamburg, dort versuchte ich 2 Tage meine Gedanken zu ordnen. Ich ging nicht ans Handy und verließ auch das Hotelzimmer nicht. Ich grübelte, machte für mich so typische Pro und Kontra Listen. Aber nichts half mir bei der Entscheidung.

Bis ich am letzten Abend auf dem Bett lag, ich schaute irgend eine Serie aber grübbelte eigentlich unentwegt wie es weitergeht. Und da war es dann plötzlich, ein kleiner Tritt. Ein Hallo von dem Bewohner in meinem Bauch. Ich sah es als ein Zeichen, zerriss die Broschüre über Adoption und verließ am nächsten Morgen das Hotel mit der Überzeugung für mich und mein Kind alles schaffen zu können. Ich sah es als Chance, diesen Verarbeitungsprozess mit einem positiven Gefühl abschließen zu können. Die restliche Schwangerschaft verlief ohne Probleme, in der 25 Woche erfuhr ich das ich einen kleinen Jungen erwarte. Ich entschied mich für den Namen Oliver, denn dies bedeutet Hoffnung und genau dies hatte ich. Hoffnung das alles gut werden würde. Aber zunächst musste ich einen Rückschlag verkraften. Natürlich stritt der Typ gegenüber der Polizei alles ab, erfuhr sogar das ich schwanger war und er drehte sich dies nun so, dass ich ihm sein Kind verweigern möchte mit dieser Aussage. Ich hatte wirklich den Glauben an die Justiz und an allem verloren. Aber meine Rettung war eine Whatsapp die er mir danach noch geschickt hatte. In der er schrieb, dass er hoffe das ich das nächste mal freiwillig mitmache. Dies reichte um ihm so viel Druck zu machen, dass er es dann doch zugab. Er wurde zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, im März 2020 wird er entlassen und ehrlich gesagt habe ich große Angst vor dem Tag. Aber ich wohne nun ganz wo anders und er wird uns hoffentlich nicht auffinden.
Die Geburt von Oliver, verlief wirklich nach dem Bilderbuch. Mir und ihm ging es danach richtig gut. Das stillen klappte super und Oliver war ein sehr braves und ruhiges Baby. Ich hatte wirklich großes Glück und wuppte so den Alltag von Anfang an alleine.


Oliver ist nun 3 Jahre alt, er geht in den Kindergarten, ist ein fröhliches, schlaues und aufgewecktes Kind. Alle in seiner Umgebung sind total verliebt in ihn. Nur ich, ich sehe nur seinen Vater in ihm. Seine Augen, seine Lippen….. Ich dachte wirklich das ich es schaffe dies alles zu verdrängen, ihn zu lieben ohne Hintergedanken. Aber ich merke immer mehr, je älter er wird desto schwieriger fällt es mir. Natürlich bin ich für meinen Sohn da, es soll jetzt hier nicht der Eindruck entstehen das ich ihn vernachlässige oder sowas. Gar nicht, ihm fehlt es an nichts. Aber wenn ich andere Mütter mit ihren Kindern sehen, wie glücklich sie sind. Dies bin ich nicht. Ich mag Oliver sehr und bin froh ihn zu haben, aber trotzdem kann ich ihn auf eine perfide Art und Weise nicht lieben. Es geht nicht. Ich weiß das er nichts dafür kann wie er entstanden ist, aber trotzdem habe ich dies im Hinterkopf. Ein Teufelskreis dem ich einfach nicht entkommen kann.
Mittlerweile habe ich einen neuen Partner ,er weiß nicht wie Oliver entstanden ist und ich möchte dies auch nicht. Ich möchte nicht mein Leben lang als Opfer da stehen. Mein Partner liebt den Kleinen Mann so sehr. Er ist fast wie sein eigener Sohn für ihn, ich bewundere ihn so sehr dafür. Aktuell sind wir in der Überlegung zusammen ein Kind zu bekommen. Oliver würde sich sicher sehr über ein Geschwisterchen freuen. Anderer Seits habe ich Angst davor, Angst dieses Kind dann mehr zu lieben. Aber vielleicht ist dies genau die Art Liebe die meine Seele heilt und uns alle miteinander verbindet, sodass ich auch Oliver irgendwann lieben kann .

2 Kommentare

  1. Hallo
    Sicherlich kein leichter Koffer den du da schleppen musst. Du solltest mit deinem Partner früher oder später darüber reden was dir passiert ist. Beziehe ihn in deine Ängste und Sorgen mit ein was das zweite Kind angeht. Du solltest außerdem über eine Traumatherapie nachdenken um das Erlebte zu verarbeiten und damit umgehen zu können. Ich könnte mir vorstellen das du dann auch die Gefühle zu deinem Sohn haben könntest die du dir wünscht.

    Liebe Grüße

  2. Hallo liebe Mama
    Ich bewundere sehr das du das alles so geschafft hast und bin wirklich traurig das du das alles durch machen musstest.
    Du bist eine tolle mama und starke Frau.
    Was mich sehr interessieren würde ob du eine Therapie gemacht hast, nicht nur wegen dem Vorfall zum verarbeiten sondern auch wegen der fehlenden liebe zu deinem oliver.
    Ich find toll das du trotzallem so für dein kind da bist, das find ich wirklich bewundernswert.
    Ich glaube das dir ein 2tes kind sogar gut tun würde. Und es vorallem deiner seele gut tut ❤
    Ich wünsch dir alles Glück der welt
    Ganz liebe Grüße Bine

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